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Vorträge

o. Univ. Prof. Dr. Harald Stadler,
Leiter des Instituts für Archäologien der Universität Innsbruck

anlässlich der Festversammlung am 10. Nov. 2015 in Wattens
50 Jahre Heimatkunde- und Museumsverein Wattens-Volders

Warum Archäologie, warum Museum, warum aufbewahren?
Zur Bedeutung der Archäologie für die Orte Wattens, Volders und Fritzens

Bemüht man die digitale Suchmaschine, so findet sich Archäologie folgendermaßen definiert: Die Archäologie (gr. ἀρχαῖος archaios, ‚alt‘ und lógos ‚Lehre‘; wörtlich also ‚Altertümerkunde‘) ist eine Wissenschaft, die unter Anwendung naturwissenschaftlicher und geisteswissenschaftlicher Methoden die kulturelle Entwicklung des Menschen erforscht. Im Mittelpunkt des Interesses stehen dabei die materiellen Hinterlassenschaften, also Objekte vom Werkzeug über Gebäude bis zum Kunstwerk. Oder wie es Thomas Meier in seiner Antrittsvorlesung zum Thema - der Archäologe als Wissenschaftler und Zeitgenosse - so treffend formulierte: Archäologie ist die zeitgenössische Kunst, Geschichten materieller Erinnerung zu erzählen.
In der Gegenwartsgesellschaft finden wir Archäologie stärker vertreten als die meisten anderen Wissenschaften. Ausstellungen zu den Kelten, den Wikingern oder dem Mittelalter boomen. Die Archäologie nimmt in Fernsehdokumentationen breiten Raum ein, jeder kennt „Indiana Jones“ aus dem Kino und auch in der Unterhaltungsbranche sind Computerspiele wie „Age of Empires“ Kassenschlager. Und archäologische Grabungen stoßen bemerkenswerterweise - trotz des immer wieder getätigten Vorwurfes, hier nur Steuermittel zu verschleudern - nach wie vor auf hohe Begeisterung.
In den Gemeinden Volders, Wattens und Fritzens hat Archäologie eine für Tiroler Verhältnisse lange Tradition. Gleich zwei Hauptpfeiler der Disziplin, nämlich die Siedlungs- („Himmelreich“ von Volders) und die Gräberarchäologie (Urnenfeld von Volders) wurden schon sehr früh bedient und daraus nach den Methoden der Zeit Erkenntnisse zu den Siedlern der Vor- und Frühgeschichte gezogen. Fritzens hat es mit einer speziellen Keramikform, der Fritzner Schale, und der Aufnahme des Ortsnamens als Teil einer eigenen eisenzeitlichen Kulturgruppe, nämlich der Fritzens-Sanzeno-Kultur, sogar in die Nomenklatur der archäologischen Wissenschaft geschafft.
Wissenschaft ist ein dynamischer Prozess. Stetig werden neue Methoden erfunden oder alte weiterentwickelt. Inzwischen stehen in der Archäologie nicht mehr einzelne Objekte, sondern komplexe Erkenntnisse zur Umwelt, zum Klima, zur Ernährung oder Lebensweise im Zentrum, um vergangene Kulturen zu rekonstruieren. Wobei uns klar sein muss, dass wir immer nur Annäherungswerte erreichen können und aus verschiedenen Gründen nie die vergangene Wirklichkeit in ihrem vollen Ausmaß zu erschließen imstande sind.
Nicht in jedem Fall stand eine geistreich formulierte Fragestellung vor den ganz großen Entdeckungen. Sie waren in vielen Fällen unerwartet. Dies gilt für die Naturwissenschaften, wie am Beispiel Penicillin oder Aluminium belegt, genauso wie für die Archäologie, wie die Fundgeschichte vom Mann im Eis zeigt, dessen Entdeckung die Gletscherarchäologie einem Bergsteigerehepaar verdankt. So suchten etwa amerikanischen Kollegen der Universität Chicago im afrikanischen Staat Niger nach Sauriern und fanden mit dem Fundplatz Gobero die bisher ältesten menschlichen Nachweise in der Sahara aus dem 8. Jahrtausend v. Chr. Eine Entdeckung machen heißt aber vor allem erkennen, dass etwas wichtig ist, und in weiterer Folge die richtigen organisatorischen und wissenschaftlichen Schritte einzuleiten.
Archäologie kann aber auch eine gesellschaftspolitische Bedeutung haben. Vom österreichischen klassischen Archäologen Bernard Andreae ist folgender Satz überliefert: Archäologie ist so wichtig wie unser Atem. Sie sagt etwas über uns selbst. Schon die Römer hatten ein vereintes Europa. Es könnte Beispiel sein für heute. Die Europäische Einigung oder das Grundgesetz in Deutschland gelten als grandiose Beispiele dieses Lernens aus der Geschichte.
Die Welt wie sie jetzt ist, ist keine zufällige sondern eine gewordene. Ihre aktuelle Version wurde durch ihre Geschichte geformt und zum Verständnis des So-Seins gehört auch das Verständnis dieser Geschichte. Die Rückschau in die Geschichte - und die Archäologie ist eine historische Disziplin - bietet ein breites Fundament von Erfahrungen auf vielen Ebenen (Politik, Lebenskonzepte, Erziehung, Architektur, Umgang mit dem Tod etc.) auf die man für die Bewältigung der Zukunft zurückgreifen und bauen kann.
Der Beruf des Archäologen selbst, stets im spannenden Wechselspiel von Fragestellungen, Suchen und Finden in Theorie sowie Feldforschung ist oft anstrengend, aber erfüllend und wird - zugegebenermaßen in bestehenden Wohlstandsgesellschaften - immer mehr akzeptiert.
Warum Museum?
Museen sind Gebäude, die Eintrittsgelder für den Blick in die Vergangenheit verlangen. Sie sind provokant formuliert eine gepflegte Grabstätte unserer Geschichte, ein vorzügliches Biotop für Restverwerter, Kulturmenschen und Buchschreiber. Museen bemühen sich um die Wissensvermittlung an die Gesellschaft und dafür, dass bedeutende Dinge aus der Vergangenheit nicht in Vergessenheit geraten. Diese Bedeutung klebt aber an verschiedenen Perspektiven, die von den Objektressourcen, individuellem Sammlerwillen oder politischem Intentionen abhängig sind. Museen werden in ihrer Funktion oft als kultureller, dinglicher Gedächtnisspeicher reduziert. Dies greift aber zu kurz. Eine besondere Aufgabe haben Sonderausstellungen, in denen man verschiedene Themen transportieren kann, und die bewusst als „Leimrute“ für weitere Informationen, die der Besucher an den Kurator, Wissenschaftler heranbringt, genützt wird. Genau das passierte bei der im Herbst 2014 eröffneten Ausstellung mit dem Titel: Volders und Russland im Ersten Weltkrieg. Biografienbrüche und Bürde. Vier Tage nach dem Ausstellungsende tauchte plötzlich ein Foto von vier der zehn russischen Kriegsgefangenen, von denen bisher nur schriftliche Unterlagen vorlagen, auf. Die Fokussierung und Sensibilisierung auf ein Thema, kann auch noch Monate nach der Präsentation nachhallen, wie das plötzliche Auftauchen einer verschollenen Erinnerungstafel der Weltkriegsteilnehmer des Ortes in einem Dachboden von Volders unter Beweis stellt. Sonderausstellungen regen aber auch die Diskussion in der Bevölkerung an und können wichtige Pfeiler für den Tourismus bilden.
Nicht zu vergessen ist die Bedeutung der Museen für Schulen, um den Lernstoff anschaulicher zu vermitteln, um die Trias erfolgreichen Lernens von hören, sehen und vor allem angreifen in Reichweite zu bringen. Jeder Schüler sollte mit den wichtigsten historischen Eckpunkten seines Ortes vertraut werden können. Dabei spielen diese Vergangenheitsspeicher eine wesentliche Rolle. Vielleicht wäre es auch besser das Medium Museum näher an die Schulen heranzubringen, ja überhaupt dort unterzubringen. Platz wäre in den meisten Fällen genug, Frequenz auch, die Betreuung durch engagierte Lehrpersonen und Hausmeister möglich und bei geschickter Wahl des Aufstellungsortes könnte personalextensiv in den Ferien auch der Tourismus davon profitieren. Es sollte eine dynamische Sammlung sein, die vom ältesten archäologischen Befund und Fund bis zur Siedlung von heute reichen sollte. Es sollte die Möglichkeit von Ergänzungen und Erweiterungen geben, die von den Geschichtelehrkräften und ihren Schülern durchgeführt werden können. Eine verträgliche Mischung aus Originalen und Nachbildungen erleichtert den Umgang mit den Objekten.
Es geht aber nicht nur um ausgestellte Gegenstände in Gebäuden, sondern auch um die archäologischen Hinterlassenschaften im Gelände. Volders und Wattens teilen sich den Besitz einer eisenzeitlichen Siedlung, des sogenannten „Himmelreiches“, ein Begriff, der auch schon oft zu Irritationen geführt hat. Wenn man etwa mit ausländischen Kollegen einen Exkursionstermin im „Himmelreich“ vereinbart, ist es schon öfter am Telefon zu spontanen Lachausbrüchen ob des eigentümlichen Flurnamens gekommen. Diese Orte sind aufgrund ihrer Lage und Fernsicht von einer Anziehungskraft, die ein persönliches Erleben in der Natur eingebettet in Geschichte möglich machen. Bedauerlicherweise gibt es nur Führungen im Sommer, doch die Menschen von früher hatten auch den Winter zu überstehen. Diese besondere Anforderung an die Architektur, der Heiz- und Wärmemöglichkeiten, etwa auch für die vorgeschichtliche Fritzens-Sanzeno-Kultur wurde bisher von der Wissenschaft noch nicht detaillierter erforscht.
Besonders wichtig ist die Vermittlung von ergrabenem Wissen und damit befinden wir uns in der Welt der Rekonstruktion. Das digitale Zeitalter erlaubt inzwischen jederzeit abrufbare Einblicke in Befunde, die es gar nicht mehr zu sehen gibt. Sie hilft den oft kümmerlichen Mauerresten Leben einzuhauchen und in der Rekonstruktion eine Vorstellung von vergangenen Bauten zu geben. Ein digitaler Themenweg, ähnlich wie es ihn in der Stadtarchäologie Hall mit mittelalterlichen Befunden und Funden schon gibt, könnte das vorgeschichtliche aber auch das frühmittelalterliche Gräberfeld von Volders, die Siedlung auf dem „Himmelreich“ oder Ergebnisse von Kirchengrabungen hautnah an den Besucher heranbringen und eine vergangene Welt wieder auferstehen lassen.
Warum aufbewahren?
In den österreichischen Gesetzen sind für Schriftgut unterschiedliche Aufbewahrungsfristen vorgeschrieben, je nachdem, um welche Art von Belegen es sich handelt. Ärzte sind etwas verpflichtet ihre Krankenakten bis zehn Jahre nach einer aktuellen Behandlung aufzuheben. Die Begründung liegt darin für Behandlungsfehler Beweise zu haben, falls der Arzt Schadenersatz leisten muss. Steuerunterlagen müssen aufgehoben werden, damit man jederzeit nachweisen kann, keine Steuerhinterziehung begangen zu haben. Geschäftsleute bewahren ihre Unterlagen auf, damit sie jederzeit nachweisen können, von wem und wann sie welche Ware bezogen haben usw. Diese Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Wir wissen eben nur deshalb so viel über frühere Jahrhunderte, weil verschiedenste Institutionen wie Gemeinden, Kirchen, Klöster, Schulen, Geschäftsleute usw. Buch geführt haben und diese Unterlagen bis auf den heutigen Tag aufgehoben worden sind.
Aber eine gesetzliche Verpflichtung, Sachgut im privaten Bereich aufzubewahren, gibt es meines Wissens nicht. Hier scheint ein uralter Trieb des Menschen vorzuliegen, der Kompensationsflächen schafft. Sammeln ist die Urhandlung alles Bewahrens und hat auch viel mit Seelenarbeit zu tun. Wir kennen zwei Arten von Sammeln: das museale für eine Gesellschaft ihrer Zeit stellvertretende Sammeln oder das für eine Individuum sinnstiftende Sammeln. Alle Museen haben ihren Ursprung in dieser Sammelleidenschaft des Menschen, des „homo collectans“.
Und nicht wenige wurden durch einen privaten Sammler begründet und tragen heute dessen Namen. Das bekannteste Beispiel ist wohl das Paul Getty-Museum in Malibu, Kalifornien. Durch die Stiftung seines Gründers verfügt es über einen höheren Jahresetat als alle anderen Antikenmuseen der USA zusammen.
Die Sucht des Sammelns kann verschieden ausgerichtet sein. Die Sammelgebiete reichen vom Bierdeckel über Schreibmaschinen, Oldtimer bis zu Flugzeugen. Frauen sammeln anders und anderes als Männer. Die Ernte dieser Leidenschaft kann für ganze Generationen lebensprägend und erfüllend sein, aber auch wieder absterben. Im besten Fall kommen solche Sammlungen in die öffentliche Hand und werden für die Gesellschaft dauernutzbar. Im schlimmsten Fall werden sie auseinandergerissen und verkauft und bilden Mosaiksteine für neue Sammlungsgebiete. Solche Archive und Depots bilden die Fundgruben für die Forschung verschiedenster Disziplinen in der Zukunft mit immer neuen Fragestellungen an das Material.
Dies sei an einem Beispiel aus den Beständen des Heimatkunde- und Museumsvereins kurz demonstriert. Das urnenfelderzeitliche Gräberfeld von Volders wurde 1959 von Alfons Kasseroler für seine Zeit 1959 vorbildlich veröffentlicht. Lothar Sperber hat 1992 in seiner Arbeit zum spätbronzezeitlichen Gräberfeld von Volders in Nordtirol grundlegende Arbeit geleistet und u. a. einen Zuzug von Bevölkerungsteilen aus dem heutigen Südbayern wahrscheinlich gemacht. 2011 behandelt er einige ungewöhnliche wie Beinschienen aus Bronze, die eigentlich in dieser Kulturstufe nur in Gewässer- und Hortfunden vorkommen. Diese besondere Schutzbekleidung für die unteren Gliedmaßen ist in Tirol äußerst rar, aber eben in Volders vorhanden. Sperber erklärt diesen Umstand damit, dass sich die breitere Schicht der damaligen Metallherren im heutigen Nordtirol nicht an die Traditionen des alten Schwertträgeradels außerhalb der metallerzeugenden Regionen gebunden fühlte. Mit der Vorstellung eines Rekonstruktionsversuches der Fragmente aus Grab 309 und Grab 349 von Volders am Beinschienenpaar aus dem Depot von Klostar Ivancic (Nordkroatien) fördern wir den Diskurs (Abb. 1) und demonstrieren damit, wie wichtig unsere Sammlungsbestände sind, aus der immer wieder neue Ergebnisse für die Wissenschaft generiert werden können.
Auch der Heimatkunde- und Museumsverein Wattens-Volders verdankt sein Entstehen Personen, die von einer Sammelleidenschaft geprägt waren. Die Archäologie spielte und spielt dabei eine dominierende Rolle. Volders ist wohl die Gemeinde in Tirol, die mit den intensivsten Forschungen von der Mittleren Steinzeit bis in die Neuzeit im Feld und auf dem Papier aufwarten kann. Bedauerlicherweise gibt es im Ort selbst bis heute kein Museum, wohl aber Sonderausstellungen, die vor allem in Schulen durchgeführt wurden. Die Gemeindeführung vertraute bisher erfolgreich auf den finanziell starken Partner Wattens. Und so war das dort in den 60er Jahren errichtete und im Jahre 2015 geschlossene Museum zu 95% mit Gegenständen aus Volders ausgestattet.
Mit der Entdeckung von römischen Siedlungsresten und einem Münzschatz bestehend aus 702 Silbermünzen aus dem 3. Jh. n. Chr. im Jahr 2014 auf dem Areal der Erweiterungsbauten der Kristallwelten hat nun auch Wattens an archäologischen Befunden und Funden stark aufgeholt. Bedauerlicherweise sind zwei weitere römische Steingebäude, deren Fundamentmauerwerk auf ca. 8 m Länge festgestellt und dokumentiert wurde, den Umbaumaßnahmen zum Opfer gefallen. Trotzdem konnte ein kleiner Teil der Ausgrabungsergebnisse innerhalb der Erweiterung der Kristallwelten auch mit einem Schutzbau versehen und so der Nachwelt erhalten werden. Fragen nach der Größe, der Funktion (Villa, Straßenstation) oder den Namen der Siedlung stehen im Raum und warten auf Antworten. Wie der durch Baggermaßnahmen gewährte Einblick in tiefere Schichten gezeigt hat, ist auch das vorgeschichtliche Potential für Wattens noch lange nicht ausgeschöpft und die Siedlungsgeschichte für diesen Bereich des Inntals kann, ja muss, mit diesen wichtigen Ergebnissen neu geschrieben werden.
Die Gemeinde Wattens plant zusammen mit der Fa. Swarovski ein neues Museum im sogenannten Neidharthaus. Interessanterweise wurde die lokale und universitäre archäologische Forschung für die Finalisierung inhaltlich ausgeschlossen. Depot- und Arbeitsräume für die Aufbewahrung des Gräberfelder- und Siedlungsmaterials beider Orte sind im Verhandlungspapier jedoch zugestanden worden. Das riesige Potential für die Vor- und Frühgeschichte der Region scheint aber für die neuen Gestalter kein zentrales Thema mehr zu sein. Ein neues volkskundliches Sammelkonzept ist im Entstehen und die Zukunft wird weisen, wie lange es dem Zeitgeist standhält.

Ausgewählte Literatur
Volker Ilgen, Dirk Schindelbeck, Jagd auf den Sarotti-Mohr. Von der Leidenschaft des Sammelns (Frankfurt a. M. 1997).
Thomas Meier, Der Archäologe als Wissenschaftler und Zeitgenosse. (Darmstadt/Mainz 2012).
Alfons Kasseroler, Das Urnenfeld von Volders (Innsbruck 1959).
Lothar Sperber, Zur Demographie des spätbronzezeitlichen Gräberfeldes von Volders in Nordtirol, in: Veröffentlichungen des Tiroler Landesmuseums 72, 1992, 37-74.
Lothar Sperber, Bronzene Schutzwaffen in den Gräbern der Urnenfelderkultur. Beinschienen - und Helm(?) Fragmente aus dem Gräberfeld von Volders in Nordtirol. In: Bayer. Vorgeschichtsbl. 76, 2011, 5-46.

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